Kompositrüstung

Das Wort “Linothorax” ist griechisch und beschreibt eine Rüstungsform (“tube-&-yoke-armour”), die um 300 vor Christus im nördlichen mediterranen Raum getragen wurde . Nach vor- herrschender, wenn auch nicht unumstrittener Meinung bestand sie aus verleimten Stoffschichten. Eine Armee, die solche “Linothorakes” trug, hat damals die halbe Welt erobert.
Allerdings ist bis heute (2016) nicht ein einziger tatsächlich gefunden worden, so das auch ernstzunehmende Rekonstruktionen lediglich den Charakter eines “educated guess” haben können.

Obwohl keine originalen Linothorakes erhalten sind (das Material -was immer es war- ist offenbar biologisch abbaubar) wissen wir, wie sie aussahen: neben dem “Alexander-Mosaik” aus Pompeji gibt es eine große Anzahl von zeitgenössischen Abbildungen- hauptsächlich auf griechischen Vasen; was daran liegt, das die meisten “normalen” Bilder wie Fresken oder Mosaike die Jahrtausende einfach nicht überlebt haben.

Und so kann man heute auf dem Speichermedium “Töpferware” einen Blick über 2 Millennia zurück werfen- was nebenbei bemerkt einer Datensicherheit von 2300 Jahren entspricht; da müssen unsere DVDs erstmal mithalten. Wenn ich Daten möglichst lange speichern will, würd ich sie lieber auf einer griechischen Vase sehen als auf einer magnetischen Festplatte...

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Oben: Bilder von Linothorakes auf griechischen Vasen aus dem britischen Museum.

Der linke Panzer bedeckt nur die Brust des Kriegers, der Rechte reicht bis zum Bauchnabel und mündet in hängenden Streifen, den sogenannten “Pteruges”.
Die Vase mit der Abbildung rechts ist übrigens von ca. 470 vor Christus und zeigt Menelaos (genau den: Fall von Troja ca. 1.200 v.C.; auch vor so langer Zeit erzählte man sich also schon Geschichten von Superkriegern, -schwertern und -pferden. Und natürlich von Monstern...).

Links beginnen die Pteruges an der Gürtellinie und bedecken den halben Oberschenkel, rechts beginnen sie in Bauchnabelhöhe und enden oberhalb der Beine. Keiner der beiden Krieger trägt einen Schwertgurt um die Hüfte.

Wenn man nur wüßte, aus was die Rüstungen bestanden... Die Theorie der verleimten Stoffschichten gefällt mir aber gut: die Leute früher waren kein bisschen blöder als wir heute, die Materialien standen zur Verfügung und das Prinzip funktioniert. Warum also nicht? (Archäologen hassen diesen Satz übrigens, aber “Wissenschaft” geht ja auch wirklich anders).

Wie dem auch sei: das “Kevlar der Antike” ist einfach zu formen und zu verarbeiten, bildet aber im fertigen Zustand Verbundwerkstoffteile von enormer Zähigkeit- und bietet somit auch heutzutage jedermann die Möglichkeit, Panzerungen zu erzeugen, die tatsächlich echten Klingen und Pfeilen widerstehen können (allerdings nicht modernen Feuerwaffen- aber das können Metallrüstungen bekanntlich auch nicht...).

Als Fantasy- Bastler der Neuzeit verwende ich auch kein handgewebtes Flachsleinen und selbstgekochten Leim aus toten Hasen, sondern Baumwollleinen und unverdünnten D3- Holzleim (wasserfest, durchsichtig trocknend), mit einem Pinsel aufgetragen (SOP siehe weiter unten).

Die Verarbeitungsmöglichkeiten reichen von der klassischen 2D- Plattenrüstung (“tube- and yoke- armour”) über einzelne flache (“plane”) oder gewölbte  Platten bis zu relativ komplizierten 3D- Formaufbauten aus gewölbten Teilen (wobei die Bauteile nicht liegend auf einer glatten Oberfläche erzeugt werden, sondern man “beschichtet” bestehende 3D- Formen).
Die Rüstung und der Kragen auf den Bildern unten sind mit dieser Technik entstanden.

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Das Thema “Linothorax” ist auf dieser Website einigermaßen umfangreich (der Vielfalt seiner Einsatzmöglichkeiten angemessen). Auf dieser Seite steht, was es ist, was man damit machen kann und wie es geht.

Und damit das Scrollrad der Maus nicht in Flammen aufgeht,   zweigen von hier aus verschiedene Projektdokumentationen ab:

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P_Linothorax_Har(1)
P_LinothoraxKr(43)
PAEIK26IbisArmour
PS_Tac-Mod
PA(8)_follow-me-eyes

Beschreibung der Funktionsprinzipien meiner Rüstung: Linothorax

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Baudokumentation des Helms: Linothorax- Helm

Baudokumentation des Harnischs: Linothorax- Harnisch

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Baudokumentation der Anbauteile; Arm- und Beinschienen, Panzergürtel:
Linothorax- Anbauteile

zweite leichtere Rüstung für sehr warmes Wetter: Aegiskragen

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Masken mit detaillierter Oberfläche: Linothorax Maske

Ausrüstung für Ägypter (Aegiskragen und Helme): Ibis-Rüstung

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Schwertscheiden: Linothorax- Schwertscheide

Lino als Material zum Umbau von Schuhen:
Schuhe modden

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Weichschaumstoff reißfest beziehen:
Schaumstoff versiegeln

Lino als Medium zum modellieren: hier wurde mit dünnem Stoff die “Haut” um eine Handvoll Kunstaugen herum simuliert: Follow-Me-Augen

Aber um noch etwas beim Vorbild zu bleiben: ich hab das Material weder erfunden noch bin ich der Erste, der es verbaut; deswegen auch der Vortrag hier. Andere Leute bauen schon seit Jahren Stoff/Leim- Kompositrüstungen und ich möchte hier gern so einen “am Original gearbeiteten” Linothorax zeigen. Und ich weiß, wo man sowas findet:

Das Spiel, für das ich meine Rüstung gebaut hab, ist das “Epic Empires” https://www.epic-empires.de/, bei dem das Wort “Culture Clash” mit einem besonders großen “K” geschrieben wird- die Lager der Spieler repräsentieren verschiedene Kulturen: von frühzeitlichen Kelten bis Feuerwaffentechnologie aus dem 30-jährigen Krieg. Inklusive Orks und Elfen. Auf dem höchsten Ausstattungsniveau, das mir bisher untergekommen ist, und ich bin schon eine ganze Weile im Geschäft; man vergißt vor Staunen das Kämpfen. (Fast. Besser nicht. Aber es kann eng werden).

Jedenfalls gibt es da das “Lager der Antike”, und ich mußte nicht weiter als bis zum Tor, um genau den Richtigen zu treffen: HP aus Duisburg hat seinen Linothorax nicht nur vor Jahren selbst gebaut sondern beschäftigt sich außerdem im wirklichen Leben intensiv mit “unserer” Antike (die Römer waren lange hier, und ihre Spuren sind heute noch zu finden):

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Oben: HPs auf Maß geschneiderte Rüstung ist von 2008, hat seitdem eine Menge aushalten müssen und alles gut überstanden. Sie wird über einem Leinenhemd (Tunika) getragen und die einzige Polsterung ist (nach römischen Vorbild) ein Halstuch. Die Bilder können mit “Grafik anzeigen” vergrößert werden.

Dieser Linothorax hält Klingen und Pfeile auf, obwohl er “nur” aus wasserfestem Leim aus dem Baumarkt, Leinen, Halbleinen oder gerade zur Verfügung stehendem Stoff in Leinwandbindung (das ist eine Webart) besteht. Die Anmutung ist gerade noch flexibel, aber sehr  zäh und fühlt sich härter an als eine Ballistikweste - einmalig und mit Leder nicht zu vergleichen. Wenn man den Panzer anhebt, fühlt man sich sofort sicher und vertraut dem Material- was ich von den meisten Leder”rüstungen”, die ich kenne, nicht behaupten kann.

Die den Unterleib schützenden Streifen “Pteruges” sind hier aus 0,5 mm dicken Bronzestreifen, die mit 6 Lagen Leinen umleimt wurden. Ich persönlich finde diese Lösung besser als den Harnisch weiter runterzubauen und dann einzuschneiden. Der feste Teil reicht bis zur Gürtellinie- tiefer würde er die Bewegungsfreiheit stark einschränken.

Das Schwert wird hier nicht an einem um die Hüfte gebundenen Waffengurt getragen, sondern hängt an einem Schulterriemen. Es gibt einen stabilisierenden Stoffgürtel, der aber keine Haltefunktion hat.

Bild unten: Das Schnittmuster (Links; Mitte Vorderseite, Rechts Rückseite) ist genial einfach; der Körperpanzer besteht nur aus zwei Bauteilen (für alles, was mit harten und/ oder scharfen Gegenständen bearbeitet wird, gilt: je weniger Bauteile und Nieten, desto besser. Wie man sieht, wurde das Prinzip bereits vor über 2000 Jahren perfektioniert).

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Verschlossen wird der Panzer mit einer Lederschnürung- eine Änderung gegenüber dem Original: die echten waren nur an zwei Stellen verschlossen: oben und unten. Kein Mensch weiß, warum, aber die Abbildungen stimmen darin überein. Wobei man bei solchen  “Originalverschlüssen” von Klagen liest, das dann die Mitte dazu tendiert, auseinander  zu streben- insofern macht diese Variante Sinn.

Wer einen Linothorax baut, zählt Schichten. Die Schultern beispielsweise bestehen aus über 20. Entstanden ist die Rüstung liegend, Schicht für Schicht, eine pro Tag. HP empfiehlt, die Schichten vor dem Trocknen mit einem Nudelholz zu entlüften- gute Idee: Luftblasen sind ein Übel, das nicht ignoriert werden darf (ist mir auch passiert).

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Getrimmt (also die Kanten begradigt) wurden die Rüstungsteile im fertigen Zustand mit einem scharfen Messer. Je wärmer das Klima, desto einfacher geht es.
Hier wurden außerdem alle Kanten eingefaßt, um Unregelmäßigkeiten zu kaschieren. Ein ziemliches Stück Arbeit, aber die Rüstung wird dadurch erheblich aufgewertet.

Die Farben sind Plaka und Klarlack.

Nochmal die Fertigung mit neuen Erkenntnissen zusammengefaßt:
Man würde die Bauteile aus Pappe, Teppich oder PVC auf Maß fertigen, mit 5% Zugabe auf Stoff übertragen, die Schichten liegend verleimen, mit einer Rolle entlüften und die fertige Rüstung bei warmer Raumtemperatur mit einem scharfen Messer sehr vorsichtig trimmen.

Die Aufbewahrung geschieht liegend geschlossen.

Bevor ich woanders weiter über mein vom antiken Vorbild erheblich abweichendes Konzept rede, (hier die Abkürzung: Linothorax)
möchte ich - nach einem Riesen- “Danke!” an HP, der unvoreingenommen mit einem verdächtigen Fremden (mir) geredet und erlaubt hat, seine Rüstung hier zu zeigen, noch Sylvias Archäotechnik- Blog verlinken, wo unter anderem gezeigt wird, wie man früher an die Stoffe kam, die man heute so einfach meterweise kaufen kann:   http://archaeotechnik-crumbach.blogspot.de/ Kein Wunder, das die Leute damals eine ganz andere Einstellung zu Stoff, Verschnitt und “Reste wegwerfen” hatten. Außerdem mag ich Sylvias Gedanken zum Thema “Authentizität” (das Wort nehm ich hier auch ein paarmal in den Mund).

Einsatzmöglichkeiten

Stoff/ Leim- Komposit ist enorm vielseitig einsetzbar: neben funktionierenden Rüstungen sind Ausrüstungsteile wie der “Ägypter” unten Links möglich, die in Leder oder Metall sehr aufwändig und teuer wären - vom dafür notwendigen Know- How bzw einer umfangreichen Werkzeugausstattung (für Metallbearbetung auch Räumlichkeiten) ganz zu schweigen.

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Oben wurde eine Weichschaumstoffmaske mit einer dünnen Gewebeschicht und Leim versiegelt und so reißfest und bemalbar gemacht. Alle Details blieben sichtbar.

Das Material ist wasserfest, abwaschbar, nichtrostend (wie auch?) und schimmelt - falls überhaupt- schwer. Es verträgt Hitze und Kälte und ist schwer entflammbar.
Es kann bemalt und verziert werden, man kann Metall draufnieten (bzw mit einleimen) oder einen Bezug aus Stoff oder Leder aufbringen.

Unten: Schwertscheiden
Individuell mit wenig Aufwand gefertigt sind sie nicht nur eine optische Aufwertung für Outfits sondern dienen auch zum Schutz der Polsterwaffen.

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Oben: Objekte verkleiden. Hier z.B. wurden die Oberflächen moderner Weithals- Trinkflaschen mit einer dünnen Schicht Komposit beklebt. Stoffmanschetten verkleiden die Schrauböffnungen und Acrylfarbe erzeugt einen “Leder”-Eindruck. Prinzipiell können so alle Arten Oberflächen verfälscht werden.

Unten: Oberflächen- Verzierungen
Links:
Zoom auf die Oberflächen der Schwertscheiden: hier wurde ein stark strukturierter Jacquard-Stoff als oberste Schicht aufgeleimt. Das Muster ist erhaben erhalten geblieben und wurde später durch Drybrush (=Trockenbürsten) noch weiter hervorgehoben.

Rechts: Window-Color-Contour. Eigentlich ein Farbfeldbegrenzer für Fensterbilder, entstehen damit erhabene Muster und Schriften auf den Oberflächen. Fixiert werden die Ornamente mit einer Mischung aus 3 Teilen Leim und einem Teil Acrylfarben; der Grundierung für die eigentliche Bemalung.
Fehler wie der Ausrutscher in der Linie an der Oberseite können durch Abheben der Masse und neuzeichnen behoben werden- auch noch nach dem Trocknen, aber vor dem Fixieren.

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Materialkunde “Linothorax- Bau”

Linothorax oder “Lino” (das Wort setzt sich hierzulande gerade auch für das Material an sich durch) besteht grundsätzlich nur aus 2 Komponenten: Stoff und Leim. Die einzelnen Stoffschichten werden dabei durch den Leim unzertrennbar verbunden, wobei es unerheblich ist, ob die Fasern vom Klebstoff durchtränkt oder nur umschlossen werden- insofern ist fast jeder Stoff geeignet.

Man baut so viele Schichten, wie für den jeweiligen Einsatzzweck benötigt werden:
Aus 3 Schichten werden flexible, unzerreißbare “Gurte”, für Schwertscheiden reichen 4, ab 5 Schichten wird es stabilitätstechnisch interessant, ab 10 Schichten besteht Schnittschutz und 10+ sind schlag- und so stichfest wie eine Stahlrüstung: nämlich “bedingt”- je nach Bauart.
Dabei kann die Materialstärke im gleichen Werkstück erheblich besser variiert werden als mit Leder oder Metall, so das ein Bauteil sowohl flexible als auch starre Bereiche haben kann.

Flexibilität... Lino, egal wie dick, wird immer mindestens leicht flexibel bleiben und nie den “harten” Widerstandswert eines getriebenen Stahl- Werkstücks erreichen. Das muß kein Nachteil sein- Kettenhemden sind bekanntlich hochflexibel, bieten aber bei richtiger Trageweise (also mit guter Unterpolsterung) wirksamen Schutz.

Für meine Werkstücke möchte ich jedoch wegen der damit einhergehenden Erwärmung auf massive Unterpolsterung verzichten und baue deswegen “Knautschzonen”: mehrere mit leichtem Abstand übereinanderliegende Teile aus jeweils nicht so dickem Material legen sich bei einem Impaktereignis übereinander, fressen dabei bereits Auftreffenergie und bilden insgesamt eine undurchdringliche Panzerung. Anschließend beulen sie sich selbstständig wieder aus oder ich helf kurz nach.

Unten: Doppelwandiger Harnisch und Schulterteile mit flexiblen “Knautschzonen” und leichter Polsterung (nur um den Hals und auf den Schultern)- die restliche Rüstung hält Abstand vom Körper und ist luftunterströmt. 2017 ist eine dritte Fontplatte dazugekommen..

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Ok. Wir hatten “was ist es”, “was kann man damit machen” und hörten eine Menge enthusiastisches Getröte ob der quasi gralsähnlichen Materialeigenschaften.

Könnten wir uns jetzt vielleicht mal langsam darüber unterhalten, wie es geht?
Subito.

 

Werkstoffkunde. Was für Stoff verwende ich?

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Oben Links: dünnes Polyestergewebe. Man kann gut durchsehen. Ich hab damit ein paar der unteren Schichten gebaut, weil ich dachte, man kriegt Details so besser definiert. Das war falsch. Es wird nicht genug “Bauhöhe” pro Schicht erzeugt, man arbeitet ewig und das Werkstück wird nicht dicker. Das Material ist ungeeignet.
Oben Mitte: Baumwolleinen, 5,- € der Meter. Man kann gerade noch durchsehen.
Diese Stärke ist das, was ich möchte: paßt sich Vertiefungen gut an und baut ausreichend Masse pro Schicht auf. 10- 12 Schichten davon (plus einige Überlappungen an strategischen Stellen) sind schnitt- und stichsicher, können mit einer Blechschere aber gerade noch getrimmt werden. Sowas will man haben. In der blauen Rüstung inklusive Schwertscheiden und der der neuen Arm- und Beinschienen sind bisher fast 30 Meter verbaut.

Ich verwende schwarzen Stoff, weil so ein schwarz durchgefärbtes Material entsteht. Wenn später Farbe abgerieben wird (und es wird definitiv passieren), erscheint schwarzer Grund am unauffälligsten.

Oben Rechts: Wenn man eine Menge von diesen Stücken vorbereitet, muß man beim Leimen nicht ständig unterbrechen und für Nachschub sorgen. Diese Flickengröße ermöglicht ein fast verschnittfreies Arbeiten- es gibt kaum Reste.
Grundsätzlich sollten die einzelnen Flicken aber so groß wie möglich sein, weil dann die Oberfläche besser wird- in den Dokumentationen später mehr davon.

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Oben Links: Weil ich nicht wußte, wieviel Leim man für eine Rüstung braucht, hab ich 500-Gramm- Flaschen gekauft (immer ein paar auf einmal). Eine darf bis 5,- € kosten (Stand 2014), macht 10,-€ pro kg. Im Netz gibt es kanisterweise Leim für 8,-€ das Kilo. In der Rüstung stecken derzeit (2014) 16 kg, was eine Ersparnis von etwa 30,-€ ausgemacht hätte. Nichts, was mich besonders ärgert- ich arbeite weiter mit Flaschen.
Der Leim ist durchsichtig trocknender, wasserfester D3- Holzleim. In einem Plastikbecher portioniert kann man ihn gut mit einem Pinsel auftragen. Ich verwende ihn unverdünnt. Wenn das Bauteil fertig ist, kommt Restleim aus dem Becher wieder in die Flasche und der Pinsel wird mit Frischhaltefolie gegen Austrocknen geschützt. Die gesamte Rüstung wurde mit 2 Pinseln (dem abgebildeten und einem breiteren für die Anbauteile) gebaut.

Oben Rechts; Verbrauchsgüter zum Linothoraxbau: Tape, Leim, Window- Color- Contour, Pattex und Acrylfarben. Nicht im Bild: Pappe und Alufolie zum Formenbau.

Äh- Pattex? Yo. Zur Verbindung von Lino- Werkstücken mit anderen Materialien. Pattex wird auf Leim zwar nicht halten, aber wenn man die oberste Stoffschicht nicht überleimt, sondern nur aufdrückt, hält es auf dieser Pseudo-Stoff- Oberseite gut.

Wie entstehen Werkstücke aus Stoff/ Leim- Komposit?

Stoff und Leim an sich können nicht ohne weiteres wie Metall, Leder oder Schaumstoff plastisch gebaut werden, denn solange noch nichts trocken ist, ist auch keine Stabilität da.
Deswegen beschichtet man jeweils einen Untergrund (auf dem Leim nicht haftet!) und läßt das Werkstück darauf trocknen.
Das kann natürlich eine ebene Fläche sein, auf der dann ebene Platten erzeugt werden, z.B. die benötigten Teile für einen klassischen Tube-&-Yoke-Panzer.

Allerdings dürfen so gebaute Teile später nicht zu stark gebogen werden, weil dann auf der Innenseite Wellen entstehen: durch Biegen wird die Unterseite verkürzt, kann aber nicht arbeiten, bildet deswegen die Unebenheiten und wird auch versuchen, sich wieder zu strecken- steht also ständig unter Spannung.
Deswegen würde man für permanent bzw stark gebogene Teile oder wenn man zur Stabilitätssteigerung Wölbungen haben möchte entsprechende Formen bauen und darauf die Stoffschichten leimen.

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Oben: Flache Form aus Pappe mit Klebeband bezogen (silber), um später das Werkstück lösen zu können (schwarz). Schwarzer Stoff wurde Schicht um Schicht aufgeleimt und das Teil erst nach dem Abnehmen zugeschnitten.

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Oben Rechts: 6 Formteile aus gewölbter Pappe, mit Klebeband bezogen, werden Schicht um Schicht beleimt: Leim, Stoff, Leim // trocknen lassen // wieder Leim, Stoff, Leim, und so weiter.
Nach 3 Schichten löse ich das noch sehr flexible Teil vom Untergrund, damit es auch von unten trocknen kann. Es bleibt aber während des gesamten Fertigungsvorganges auf der Form liegen.

Das Teil wird etwas größer gebaut als notwendig, damit später saubere Kanten geschnitten werden können. Alle 3-4 Schichten wird das Werkstück getrimmt, dann ist der Endzuschnitt einfacher.

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Oben Links: schlampig gebaute Form für einen ägyptischen Kragen;  aus Pappe mit Klebeband bezogen. Man erkennt Knicke in der Form und Falten im Klebeband. All das wird sich später im Werkstück abbilden...

Je besser die Form, desto besser wird das Werkstück.

Oben rechts: auf gewölbten Formen aus Pappe (wieder mit Klebeband bezogen) entstandene Plattenteile. Das Aufleimen auf den gebogenen Untergrund bewirkt, das  die Platten nach dem Lösen ihre Form behalten- sie können nicht geradegebogen werden.

So einfache Formen sollten nicht mit kleinen Flicken beleimt werden, weil Überlappungen zu unregelmäßigen Oberflächen führen (jede Überlappung ist eine Schicht mehr). Deswegen beleimt man die Formen mit so großen Stoffstücken wie möglich.

Je weniger Überlappungen der Stoffstücke, desto glatter die Oberfläche des Werkstückes.

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Oben:
Schwertscheidenbau
Die Form befindet sich auf der Originalwaffe, die wiederum von einem Schraubstock in der Schwebe gehalten wird, so daß beidseitig beleimt werden kann. Die Baudokumentation ist hier: Schwertscheide

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Oben Rechts: Formen für freistehende Anbauteile; hier Klingenbrecher auf einem ägyptischen Riesenkragen. Auf den getrockneten Kragen (der wiederum auf seiner Form liegen bleibt, bis alles fertig ist) werden die Tape- bezogenen Pappformen mit minimalem Überstand befestigt (ebenfalls mit Klebeband). Ausreichender Halt entsteht, indem nicht nur die hochstehenden Teile, sondern der ganze Kragen bis zum Rand beschichtet werden. Wenn die neuen Anbauten trocken sind, können die Pappformen wieder rausgenommen werden.
 

Wie wasserfest ist Linothorax?

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Mal sehen.... Versuchsanordnung:
Links wird ein Stück vollständig durchgetrocknetes Komposit eine Stunde lang etwa zur Hälfte in Wasser getaucht- etwas, das man seiner Lederrüstung definitiv nicht antun sollte. Das Material ist nicht bemalt- es erscheint schwarz, weil es aus schwarzem Stoff besteht.
Im zweiten Bild sieht man, das der mit dem Wasser in Kontakt gekommene Bereich sich weiß verfärbt hat. Dieses Phänomen trat 2014 auf der unbemalten, durchfeuchteten Innenseite meines Harnischs auf und verschwand immer wieder, als die Rüstung nach dem jeweiligen Einsatz gelüftet wurde. Weder der Harnisch noch dieses Teil sind aber irgendwie “weich” oder sogar “schleimig” geworden (also aufgeweicht in dem Sinne, das die Stoffschichten wieder voneinander zu lösen wären)- das Material ist nur etwas flexibler.
Im dritten Bild ist es nach einer weiteren Stunde wieder getrocknet und die weiße Färbung ist verschwunden.
Rechts: nach 2 Stunden ist es weder in Farbe noch Konsistenz von seinen nicht eingeweichten Kumpelz zu unterscheiden.

Aber natürlich wollen wir so eine Verfärbung nicht.
Also nächste Runde mit einem ebenfalls völlig durchgetrockneten, mit Window-Color- Contour verzierten, mit einer Mischung aus 3 Teilen Leim und einem Teil Acryl versiegelten und dann mit Acrylfarben bemalten Stück:

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Links:
2 Stücke werden getaucht: eines ist nur mit der oben beschriebenen 1-3 Acrylfarbe/ Leim-Mischung bemalt, das goldige ist verziert, fixiert und bemalt (Drybrush Gold, wash Schwarz).

Oben nach einer Sunde Eintauchen bis unter das letzte “T” in “Test”:
Keine Farbveränderung, leichte Steigerung der Flexibilität

Unten nach einer Stunde:
Der Originalzustand ist bei beiden Stücken wieder hergestellt.

Fazit: Versiegeltes und bemaltes Stoff/- Leim- Komposit wird zwar nicht für den Bootsbau empfohlen, verträgt aber Feuchtigkeit erheblich besser als Leder.

Für meine Arbeiten verwende ich D3- Leim (“kurzzeitige Wassereinwirkung”). Es gibt auch D4, aber für meine Küche reicht D3 locker.

Linothorax, Leim  und Sommerhitze

Es ist tatsächlich so, das Lino- Teile temperaturabhängigerweise mal mehr und mal weniger flexibel sind (und ich sag auch hier bewußt nicht: “weich”).

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Oben Links: Im Freien “auf der Form” trocknende Bauteile. An einem wirklich heißen Sommertag schaff ich auch 3 Schichten: Eine morgens, eine Mittags und eine abends.

An so einem heißen Sommertag bei knapp unter 30 Grad hab ich den Harnisch auf den Rücken in die Sonne gelegt und beobachtet, was passiert:
Nach 25 Minuten war er “Brust- auf Rückenplatte” zusammengesackt. Das Material hatte die Flexibilität von sehr dickem Leder angenommen und konnte zum Anziehen problemlos wieder auseinandergebogen werden. Nichts löste sich auf, wurde “weicher” oder klebrig - eben nur “flexibler”.

Im angezogenen Zustand in Bewegung wurde der Panzer durch Abkühlung sofort wieder fester. Die Schutzfunktion der Rüstung blieb erhalten: Treffer beulten zwar die oberen Schichten der Knautschzonen etwas stärker ein, die untere Lage wurde aber nicht einmal berührt. Diesem leichteren Einbeulen bei großer Hitze kann also durch Materialstärke oder spezielle Konstruktionseigenschaften befriedigend entgegengewirkt werden.

Und: wäre ich bei der Affenhitze mit einer gepolsterten Stahlrüstung glücklich geworden? Sicher nicht! Sie hätte Treffer zwar gehalten, wie es Stahl eben tut, ihr Nutzen wäre aber doch zweifelhaft, denn man ist damit bei solchen Temperaturen weder ernsthaft bewegungs- noch kampffähig.

Auf dem Spiel im August 2014 bei 20+ Grad (also warme mitteleuropäische Temperaturen) war von “weicher werden” nichts zu spüren. Auch der superheiße Sommer 2015 hatte keinerlei Einfluß auf den Kragen mit den Klingenbrechern (der extra dafür gebaut wurde).

Insofern vereint ein Linothorax tatsächlich im gesamten Temperaturbereich von “kalt” über “normal bis warm” zu “heiß”, “trocken” oder “naß” das Beste aus allen Welten.

Und wo ist der Haken? Es gibt immer einen Haken!

Nö, gibt keinen. Aber wenn man Nachteile suchen wollte, hier sind ein paar:

Die langen Fertigungszeiten. Man verbaut 2 Schichten pro Tag: eine morgens vor der Arbeit und eine abends, wenn man nach Hause kommt. Alle 5 oder 6 Schichten läßt man das Werkstück ein paar Tage trocknen.
Eine komplette Rüstung mit Harnisch, Schultern Helm, Gürtel, Seiten, Armen und Beinen (mit den Impakt-Zonen jeweils aus 2 Lagen) plus Schwertscheide(n) frißt entsprechend Bauzeit.

Oberflächen: Glatte Oberflächen sind bei gewölbten oder komplizierten Teilen schwierig hinzukriegen, weil man sie nicht mit einem einteiligen Stück Stoff beziehen kann, sondern mit Flicken arbeitet, deren Überlappungen für Unregelmäßigkeiten sorgen.

Die Flexibilität. Für Equipment ist sie nicht schlimm und erhöht sogar den Tragekomfort, aber wenn man den Ehrgeiz entwickelt, tatsächlich schützende Panzerteile zu bauen, muß man sich was einfallen lassen. Originale griechische Schwerter sind ultraleicht und für das Material kein Problem, aber ein japanisches oder europäisches Mittelalter- Schwert spielt in einer anderen Liga.
 

Gibt es spezifische Probleme beim Linothoraxbau?

Oh ja! Und ich hasse sie alle.

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Oben: Die bereits erwähnten unregelmäßigen Oberflächen. Die Form des Schnabelhelms muß mit einzelnen Flicken bezogen werden. Die Überlappungen liegen an Stellen, die die Stabilität verstärken, aber  die Oberfläche ist irgendwie wellig.
Ein ornamentales Muster aus Window- Color- Contour oder ein Bezugsstoff werden den Effekt kaschieren.

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Oben: Lufteinschlüsse. Treten immer wieder auf- man muß das Werkstück tatsächlich eine Weile bewachen, bis sie sich zeigen (so lange kann man schon das nächste anfangen). Stecknadel reinpieken, Luft rausdrücken und die Blase unter der nächsten Stoffschicht verschwinden lassen. Getrocknete Lufteinschlüsse müssen aufgeschnitten werden, und in der Deckschicht wolle man die lästigen Dinger am Besten einfach nur vermeiden.

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Rechts: Wellen.

Sie entstehen, wenn ein großes Stoffstück durch Pinselstriche auf der unteren Leimschicht “in sich” verschoben wird. Man wird sie wieder los, indem man längs der Wellen pinselt, den Stoff wenn möglich leicht quer zieht oder im schlimmsten Fall das ganze Stoffstück vom Rand an bis zur Welle abhebt, neu unterleimt und wieder verlegt.
Wenn man klingonisch fluchen kann, macht das die blöde Welle zwar nicht platt, ist aber ein gutes Ventil.

Links: Leimtränen.

Treten auch erst nach einiger Zeit auf. Je steiler die Oberfläche, desto eher werden welche erscheinen. Sie müssen weg, weil sie sich durch alle weiteren Stoffschichten abbilden würden.

Man nimmt sie mit einem Tapeziermesser möglichst plan ab (es darf kein “Krater” bleiben) und streicht noch ein wenig Leim drüber.

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Sehen wir es positiv: diese Probleme sind leichter in den Griff zu kriegen als ein verschnittenes Stück Leder oder ein gebrochenes Metallteil.

Soweit zur Theorie. Die Baudokumentationen der Umgebung dieser Seite zeigen verschiedene praktische Anwendungen.
Und um das Thema abzurunden soll hier jetzt noch jemand anders erwähnt werden:

Wer im Netz “Linothorax” recherchiert, stößt irgendwann auf das Professor- Aldrete- Projekt.

Die Herren Aldrete und Bartell (ersterer lehrt an der Universität von Wisconsin, zweiterer ist ein ehemaliger Student und jetzt Mitarbeiter) sind unter anderem experimentelle Archäologen und haben sich von 2005- 2013 mit der Rüstungsform “Linothorax” beschäftigt, mehrere davon ausschließlich mit damals zur Verfügung stehenden Mitteln und Materialien gebaut und die Ergebnissse als Buch publiziert.

Das Experiment kulminiert in einem Video, in dem der Professor einen Pfeil in die Rüstung seines Co- Autors schießt, während der sie trägt.  Alle haben Glück: der Professor trifft dahin, wo er gezielt hat, der andere hält still und die Rüstung funktioniert auch. Trotz (ok, na gut: inklusive) dieser unverantwortlichen Leichtsinnigkeit ist das Projekt hochinteressant.

Hier der Link: https://www.uwgb.edu/aldreteg/Linothorax.html

 

Viel Spaß beim Lesen- aber (and this is no joke):
“testet” Eure Rüstungen auf keinen Fall, wenn jemand drinsteckt

Die nächste Seite in der Reihenfolge wäre dann die Beschreibung der Funktionsprinzipen meiner Rüstung; Link: Linothorax

wobei... wer einen kleinen Abstecher machen möchte: inzwischen (Okt 16) hab ich das hier gezeigte Komposit auch selber getestet: linothorax test

last edit Okt 2016, Mai 2018

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